Der Weg nach oben
Ein etwas älteres, ironisches Sprichwort lehrte uns folgendes: „Wer nix wird, wird Wirt!”. Diesen Spruch mussten sich sicher schon viele Leute von nervigen Tanten, Omas oder anderen Herrschaften der älteren Generation unter die Nase reiben lassen. Aber die Situation hat sich geändert. Wer heut’ nix ist und auch nix wird, aber was werden will, braucht eigentlich nur noch zwei gesunde Hände und flotte Finger! Der eigentliche Schlüssel zum Erfolg ist dann meist nur noch ein Computer mit Internetanschluss und das Auffinden einer berüchtigten Internet-Party-Community. Eine Digitalkamera oder 2 Plattenspieler sind dabei weitere unverzichtbare Must-haves für den Einen, der ja was werden will. Die absolute Traumkombination ist, wenn man beides hat, denn dann geht es so richtig los auf dem Weg nach gaaanz oben!
Der Partyfotograf
Mit der Digitalkamera kann man einen tollen Partyfotografen abgegeben, egal wie man aussieht oder geistig minderbemittelt man ist – das ist das tolle daran! Wie ein russischer Sturmsoldat im Höhepunkt des 2. Weltkrieges den Abzug drückend, betätigt man in ähnlicher Geschwindigkeit den Auslöser seiner Kamera und wird zum Mittelpunkt jeder Party.
„Sehen und Gesehen werden” ist hier das Motto. Daher braucht man sich auch nicht zu wundern, wenn sich auf einmal aus heiterem Himmel hübsche Frauen oder die tollen Beachboys, von denen man frühe immer geträumt hat, sich an einen ranschmeißen. Denn man ist ja schließlich wer, und zwar DER Partyfotograf. Grimassen, Brüste, Tangas, Tattoos und weitere unwichtige Dinge werden zum Mittelpunkt einer realen und irrealen Welt – leider.
Der Deejay
Auch mit den genannten Plattenspielern kann man schnell mal einen auf dicke Hose machen. Da spielen persönlicher Musikgeschmack, Interesse, Verständnis oder dergleichen für eine Musikrichtung überhaupt keine Rolle mehr. Hauptsache man spielt das, was die meisten toll finden, auch wenn man sich damit nicht identifizieren kann. Nebenbei sorgt man damit auch noch dafür, dass andere Plattenunterhalter, die aus wahrer Leidenschaft Musik machen, kläglich untergehen.
Schnell findet sich auch ein zweiter dieser Sorte, der Kontakt zu den Leuten hat, die ihr Geld daran verdienen. Schnell bekommt man coole, so genannte „Bookings” und verdient an einem Abend fast soviel Geld wie eine Prostituierte im Freudenhaus. Auf der DJ-Kanzel steht man dann wie der Papst auf dem Petersplatz in Rom. Jeder sieht es, wenn man selbst nur mit dem Finger in der Nase bohrt und das ist es ja schließlich: man wird gesehen – und darum geht es ja auch! Besonders gut kommen dann noch Sachen an wie mit Kopfhörern herum Posen, oder so tun, als ob man Scratchen kann, obwohl das Mischpult gerade die andere Platte tonal an die Boxen schickt. Eine verrückte Frisur, eine Kippe und ein cooles Cappy tragen zum umjubelten und renommierten Charakter bei. Wenn man nochmals einen auf ganz dicke Hose machen will, lässt man seine Freunde mit hinter die DJ-Kanzel, welche sich als solche outen, indem sie verehrende Gestiken und wilde Tanzorgien abhalten um dem Mann des Tages zu gebühren. Denn für sie springt ja auch etwas dabei raus – richtig – „sehen und gesehen werden”.
Der Top Comment
Doch das ist noch nicht alles. Mithilfe der schon genannten (naaaeeein, nicht kommerziellen, naaaeeein…) Internetplattform kann man weiter seinen Drang nach Ruhm und Ehre verfolgen. Die coolen Bilder vom letzten Abend mit den Köpfhörern finden Platz als Profil- oder Galleriebild. (Und wenn man es nur geschafft hat ein Foto von sich machen zu lassen, wie man in der Garage beim Kumpel vor den Plattentellern einer alten Retro-Anlage steht – Egal, Hauptsache es sieht gut aus und man kann so tun „als ob”) Ebenso heiß begehrt, oft fotografiert / eingestellt und daher unbedingt erwähnungswürdig sind natürlich Automobile. Eigentlich vom Erfinder zur Fortbewegung geplant, kann man auch gern darüber diskutieren, wie blöd und hässlich das Auto des anderen ist und wer den größeren … Auspuff hat.
Das tolle am technischen Zeitalter ist auch, dass der Computer von gaaanz allein das meistkommentierte Bild auf die Hauptseite sendet, sodass quasi eine Schlacht von höchst geistreichen Aussagen, sowie niveauvollen Argumentationen, auf jedem Bildschirm des halben Bundesstaates flimmert – Das hat unser Land gebraucht! Bahnbrechende Intelligenz per Mausklick! Nur dann kennen einen auch noch mehr Leute!
“Der menschliche Kopf gleicht einem Hohlraum, desto größer er ist, desto lauter schallt es aus ihm heraus!” (Wilfried Hilgert).
Dieses Sprichwort ist auch in anderer Hinsicht, als ohnehin gemeint, übertragbar. Denn wer viel zu sagen hat, der hat auch viel zu schreiben. Toll daran ist, dass es dafür ein persönliches Profil gibt in dem man der kompletten Außenwelt mitteilen kann, was eigentlich noch nicht einmal die lockige Kassiererin im Aldi interessiert. Man kann auch noch (damit die Leute selbstverständlich auch noch ein bisschen mehr über einen reden) den entsprechenden Basisstoff liefern, indem man sich mit Autos, Bildern von sich selbst und was man sonst noch so alles hat, nach außen trägt. Denn was man hat kann man ja zeigen – “Wer hat, der kann”.
Meine Freunde
Weiterhin gibt es auch noch eine tolle, so genannte „Freundesliste”. Jeder, den man irgendwie und irgendwo her kennt, wenn er einem auch nur auf dem Klo betrunken und freundlich beim pinkeln gegrüßt hat, wird zu einem potentiellen Freund. Leute die man früher nicht mochte, Bekanntschaften vom Wetttrinken an der Bar, Leute mit denen man auf gestikulierenden Bildern “zufällig” drauf ist oder auch erstaunlicherweise Namen, die man noch nie vorher gehört hat, finden hier einen Platz. Deklariert unter einem Begriff mit veralteter Bedeutung: „Freunde”. Aber Hauptsache die Zahl dieser ist möglichst groß und weit über der Summe anderer, immer fein nach dem Motto „wer hat, der ist”. Zahlen über 400 kommen dabei richtig gut an und man wird zu dem, der man immer sein wollte.
Die dunkle Seite
Doch aufgepasst! Schnell machen Intrigen und Gerüchte die Runde, denn desto größer das Netzwerk, desto kürzer die Leitungen und desto mehr Schnittstellen und schwarze Löcher gibt es. Man muss auf jeden Schritt und Tritt aufpassen, denn man kennt ja an jeder Ecke viele coole Leute. Coole Leute, für die man sich schnell zum Affen macht und die einen, so wie sie einen vorn herum anspringen, auch hintenrum in den Rücken fallen. Sogar Leute, die einen nicht kennen fangen schnell an wild über einen herzuziehen – Meist halten dann Sprüche auf dem eigenen Profil Einlauf wie: „lasst mich doch alle in Ruhe” oder „Wer denkt mich nicht mögen zu müssen der kann es lassen.”. Der sensible Charakter unter uns neigt dann auch schnell dazu diverse Mittel zur Erzeugung eines Rauschzustandes einzunehmen. All jene Dinge kennen keine Grenzen.
Und man fällt, fällt und fällt, wie Vogelexkremente aus 300m Höhe auf die Windschutzscheibe eines Brummifahrers.
Und nun sind wir bei der Realität angelangt und die Moral von der Geschicht’: „Wer hoch steigt, kann tief fallen.”.
Quelle: http://der-weg-nach-oben.de.tl/
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