Thomas Schumacher im Interview
Mit Thomas Schumacher kam am 13.12. ein Weltreisender der elektronischen Tanzunterhaltung ins Cottbuser Schallwerk. Insomnia sprach mit dem umtriebigen Plattenleger und Produzenten:
Wie bist Du eigentlich zum Deejaiing und zu elektronischer Tanzmusik gekommen?
Wie viele war ich damals mit 15-16 Jahren an fast allem interessiert, was es an Musik gab – Radio war noch das klassische Medium. Formiert hat sich das Interesse am Deejaiing dann in der Gymnasialzeit – die Spezialisierung auf elektronische Musik kam erst später, Ende der 80er Jahre. Ich erinnere mich noch gut an eine Klassenfahrt nach London, als ich den legendären Plattenladen Blackmarket betreten und das erste Mal Acid House und Drum`n`Bass gehört habe. Das hat mich beeindruckt. Zu Hause in Bremen habe ich dann gezielt nach Clubs gesucht, wo das gespielt wird. Dann habe ich angefangen, Platten zu kaufen und aus Interesse am Produzieren auch zügig Instrumente. Das hat sich entwickelt und gesteigert – auch wenn ich mein Abi gebaut und Zivildienst gemacht habe, war da schon klar, dass die Kombination aus Platten auflegen und Produzieren mein Weg ist.
Was oder wer hat aktuell den größten Einfluss auf Dich und Deine Musik?
Das Leben. Es gibt weder ein konkretes Ereignis noch eine konkrete Person. Da gibt es zwar Burial der mich mit seinem Dubstep sehr beeindruckt hat, mit seinen dichten und düsteren Klangwelten. Das hat aber keinen Einfluss auf meine eigenen Produktionen.
Mit Deinem Projekt Elektrochemie und dem Label Spiel-Zeug Schallplatten bist Du seit Jahren auch extrem erfolgreich, hast Du noch andere Spielplätze?
Elektrochemie haben wir erst mal zu den Akten gelegt. Meine Partnerin bei Elektrochemie Caitlin Devlin ist ja gleichzeitig meine Lebensgefährtin. Seit der Geburt unserer Tochter ist es nicht verträglich, zusammen die Clubs der Welt zu rocken. So gehen wir jetzt getrennt auf Tour. Und zu Hause ist sowieso genug zu tun: Ich habe gerade die neue Single von DJ Hell geremixt und freue mich, mit DJ T sein neues zu Album von produzieren. Auf der bald erscheinenden Get Physical 100 Compilation gibt es einen Titel von mir und DJ T. und gerade jetzt erscheint meine neue VÖ Picanha auf Get Digital…
Du bist in diesem Jahr zum Plattenlegen ein paar Mal rund um den Globus gejettet, wo wird derzeit am besten gefeiert?
Das ist immer das letzte Wochenende.
Diesmal passt es sogar, da war ich Plovdiv unterwegs – zu einem klassischen Rave. Solche Partys sind selten geworden, 3500 Leute in einer Stadthalle mit einer fetten Anlage. Aber es hat gerockt, das Publikum war jung und extrem begeisterungsfähig. Die Orte ändern sich aber – viele Clubs, die ich beispielsweise vor ein paar Jahren in Tokyo oder London bereiste, existieren dort nicht mehr. Das ist in Berlin und Paris übrigens nicht anders …
Apropos weiter Welt: Du hast vor einigen Jahren Deine Homebase Bremen in Richtung Berlin verlassen, kommt bei der Hektik in Big B nicht etwas Sehnsucht nach der Provinz auf?
Nein. Ich find das hier auch gar nicht hektisch. Wir leben in einem sehr familiären Kiez im Prenzlauer Berg. Auch unser Lifestyle gibt das gar nicht her, ich habe ja besseres zu tun, als mich ständig in Bars und Clubs herumzutreiben, wobei ich das Berliner Nachtleben schon sehr zu schätzen weiss… Ein bisschen vermisse ich vielleicht den frischen Fisch, aber inzwischen ist selbst der Bremer Teil meiner Familie von Berlin begeistert.
Am 13.12. warst du ja nun bei uns in der Provinz, n Cottbus. Ist das Publikum abseits der Partymetropolen anders, dankbarer?
Anders auf jeden Fall. Das ist aber in jedem Land so, dass abseits der Partymetropolen ein anderes Clubleben besteht. Ich finde das gerade spannend, weil dabei alle Richtungen möglich sind. Die Leute sind oft nicht so sehr mit den aktuellen Trends vertraut – das kann natürlich auch Probleme geben. Aber es gibt auch kleinere Städte mit absolut innovativen Clubs. Was ich am Auflegen in der Provinz sehr schön finde, ist die Spannung bei den Leuten, die nicht zu verwöhnt sind. Hier in Berlin herrscht eher der Konsum vor, da gibt es an jedem Wochentag die Wahl zwischen renommierten DJs.
Welcher Sound steckt derzeit in Deinen Plattenkoffern?
Das ist die für mich typische breitgefächerte Auswahl. Je nach Stimmung wird es am Anfang sicher mehr Deep House geben, das steigert sich dann bis zu modernem Techno. Nur eines gibt es bei mir garantiert nicht: Minimal. Das fand ich schon immer überflüssig, das hat keinen Soul, keine Deepness. Das ist allenfalls kaltes Rumgeklacker. Das spiele ich nicht, da sind mir Emotionen zu wichtig.
Wieviel Thomas Schumacher bekommen wir – in Bremen hast Du immerhin legendäre 8 Stunden-Sets abgeliefert?
Keine Ahnung, ob das in Cottbus 8 Stunden gehen wird. Das kommt vor allem auf die Veranstalter an. Ich finde es meist unverständlich, dass viele Veranstalter so eine Minimalzeit vorgeben. Das beschränkt dich, wenn es wirklich Spaß macht und gut abgeht …
Wie gehst Du mit technischen Neuerungen um – und stehen hinter Deinem DJ Pult ein Laptop, ein CD-Case oder die guten alten Viniyls?
Die guten alten Vinyls. Und zwei CD-Player – das geht heute nicht mehr anders, weil zu viel gute Musik nur noch digital zu haben ist. Ich kaufe aber noch Platten und halte sie für das Top Medium, meinen Sound zu präsentieren. Technisch könnte ich das auch mit dem Laptop umsetzen, finde das aber sinnlos und diskutiere da auch viel mit Kollegen. Ein Großteil von denen ist durch Technik zu faulen Säcken geworden. Die erzählen von den technischen Möglichkeiten, die bei den Leuten auf dem Dancefloor aber gar nicht spürbar werden – ich halte das nur für Ausreden. Natürlich kann man heute ein ganzes Set abspeichern und abends so tun als ob – das würde im Zweifel nicht mal auffallen. Die größte Arbeit für den DJ ist das Beat-Matching, wenn zwei Platten auf den Tellern rotieren – das kann natürlich auch der Rechner machen. Das ist aber kein gutes Handwerk. Für mich gehört dazu, gute Platten zu suchen und selbst abzumischen. Da kann auch ein Fehler passieren, aber es ist authentisch.
Wie siehst Du die Entwicklung in der elektronischen Tanzmusik, Du selbst hast Dich ja vor einigen Jahren von straighten Techno- Nummern verabschiedet?
Das ist im Endeffekt nicht so, dass ich ins Land geschriehen habe: Ich mache keinen Techno mehr. Ich bin ja seit 20 Jahren im Geschäft, habe Spaß daran, dass sich Musik verändert – und mich nie völlig mit nur einem Trend oder Sound identifiziert. Kollegen, die das tun, sind vielleicht kurze Zeit angesagt – wenn das Thema durch ist, ist der zugehörige DJ aber auch durch. Mir machen immer wieder neue Soundgenerationen Spaß. Gegenwärtig wird es deeper und housiger … aber die Entwicklung hört nicht auf. Minimal legt in Berlin z.B. keiner mehr auf. Die etwas housigere Entwicklung wird sicher auch abseits der Großstädte immer populärer.
In unserer Region war jahrelang nur noch Mischmasch zu haben, keine Party elektroakustischer Tanzmusik ohne Black Floor. Ein Phänomen in deutschen Provinzen?
Das kann ich nicht beurteilen. Ich spiele im Jahr nur 5 bis 6 Shows in Ostdeutschland und dann eigentlich immer in reinen House/Techno Clubs.
Jetzt folgt glücklicherweise wieder eine Rückbesinnung, auch durch das Schallwerk, das du im Dezember beglückt hast. Suchst Du Dir Deine Gigs eigentlich persönlich aus und spielt die Location eine Rolle?
Auf jeden Fall suche ich die Gigs persönlich aus. Es kommen ja jede Woche viele Anfragen, da suchen wir die Perlen raus. Sonst verbraucht man sich auch. Ich muss das oft sehr filtern. Im Fall des Cottbuser Schallwerks vertraue ich sehr auf die Leute von Interklang, die das Abendprogramm zusammen stellen. Außerdem war ich mehrmals im alten Schallwerk, das war Kult! Es ist lange her, und so freu ich mich auf das Wiedersehen.
Vielen Dank für das Interview
Schlagworte zu diesem Beitrag:Cottbus, DJ, Titelstory






Dein Freund paul möchte Deine Meinung zum Thema kennen lernen...