Karotte im Interview
Die Eintagsfliege, ein Insekt, das sich vor allem in der Clubszene pudelwohl fühlt. Denn der sensationelle Dancefloor-Burner von heute ist erfahrungsgemäß innerhalb von kürzester Zeit der Schnee von gestern. Mit dem Namen des angeblichen Künstlers der Stunde wird man tagtäglich im Radio, Fernsehen und in Musikmagazinen konfrontiert, wenn nicht penetriert. Da fragt man sich: Wo kommt dieser Kerl auf einmal her? Warum habe ich vorher noch nie von ihm gehört? Und überhaupt: Weiß er eigentlich, wie man vernünftig auflegt? Alles gerechtfertigte Fragen, denn dieser sagenhafte Newcomer muss so etwas wie eine Vergangenheit besitzen, würde man zumindest meinen. Doch können diese Retter der Clublandschaft oft eine Pizza Funghi nicht von einer 12inch unterscheiden und ihre Sets sind dementsprechend, Gott weiß, keine musikalische Offenbarung. Das Endresultat: Das Publikum ist zutiefst vom selbsternannten Wunderkind enttäuscht. Die anfängliche Erwartungshaltung und die Realität stimmen kein bisschen überein. Jedoch gibt es auch DJs, die mit dem Plattenauflegen anfingen, als sie noch keine Ahnung von einem Produktionsstudio hatten. Turntable-Virtuosen, deren gesamte Karriere auf ihrer unikalen Fähigkeit basiert, ein Publikum mit nur ein paar Scheiben und einem Mixer zu elektrifizieren. Selbstverständlich ist dieser Weg länger und härter, dessen ungeachtet verspricht dieser „Umweg“ eine loyale Fangemeinde, die letztendlich ohne wenn und aber hinter dir steht.
Peter Cornely aka Karotte, der 1969 geboren wurde, ist ein Paradebeispiel für solch ein seltenes Phänomen. Über die letzen beiden Dekaden hat dieser deutsche Unterhaltungskünstler die Spitze des DJ-Eisberges erklommen und verteidigt. Am 8. Mai spielt er zum großen Club-Jubiläum im Nostromo in Görlitz und war so nett uns trotz voll gestopftem Terminkalender ganz kurzfristig dieses Interview zu ermöglichen.
Dein zweiter Vorname ist ja quasi „Karotte“. Welche Anekdote verbirgt sich dahinter?
Keine, ich bin so getauft worden von meinen Eltern.
Auf welche Art und Weise ist denn der Dance Groove irgendwann mal in dich gefahren? Er lässt dich ja sichtlich schon über 22 Jahre allein als DJ nicht mehr los!
Da war ich noch sehr, sehr jung. Ich denke schon Ende der 70er mit all dem Zeugs von Boney M., Silver Convention, Donna Summer und dem Kram. Das lief ja alles schon im Radio und das war immer klasse zum Tanzen.
Wie hast du deine ersten Berührungen mit elektronischer Tanzmusik empfunden und zelebriert?
Das ist schon so lange her, aber ich denke das war so 1988 im Omen in Frankfurt und irgendwie konnte ich anfangs nix damit anfangen, fand aber die Leute und das Setting des Clubs klasse. So bin ich dann öfters dahin und irgendwann hat’s mich richtig gepackt.
Wo spielst du eigentlich aktuell am liebsten, eher in der heimatlichen Ecke oder anywhere aufm Globus?
Schwer zu sagen, ich liebe es in Deutschland zu spielen und natürlich in Holland, wo ich meine größte Fanbase habe. Aber natürlich freu ich mich immer wieder raus aus Deutschland zu kommen um neue Leute und Clubs und Städte kennenzulernen. Aber in Deutschland macht schon am meisten Spaß, alleine wegen den längeren Playtimes die man als DJ hat wegen der langen Öffnungszeiten. Da sind wir hier schon ganz weit vorn, denn in Italien ist es schon komisch wenn die Läden um 04:00 Uhr zu machen und du nur für 90 min spielst.
Wir brauchen noch etwas aktuelle Info zu deiner Radiosendung. Was läuft da derzeit wann und wo übern Äther und welche Gäste stehen so ins Haus?
Die läuft jeden Mittwoch von 20:00 – 22:00 Uhr auf “sunshine live”. Geht auch über Kabel und Internet. Gäste hab ich ja gar nicht so viele, sondern eher Themen und was da alles kommt, wird immer sehr kurzfristig von meinem Redaktionsteam entschieden. Also am besten jeden Mittwoch die Sendung hören.
Gibt’s denn mal wieder eine Platte von Karotte oder ’nen smarten Remix?
Die neue Platte ist fertig. Heißt “all she wants is” und wird mit dicken Remixen kommen von Markus Fix, Robert Dietz und Lucca Morris. Dauert aber noch ein wenig bis die kommt, denn die Remixe sind gerade erst in der Mache und die ganze Nummer passt auch eher wieder in den Sommer. Aber wartet halt mal ab. Auf jeden Fall mal wieder nach 2,5 Jahren was Neues von mir.
Was sind deine Ziele und Projekte, die in diesem Jahr noch auf uns zukommen sollen und werden?
Vielleicht noch ne neue Platte, obwohl ich das bei meinem Produktionsrhythmus schwer glaube, aber man weiß ja nie. Projekte gibt es jetzt ein Neues, das wir mit meiner Agentur, die mich verbucht, und mit unseren holländischen Partnern meine eigene Veranstaltungsreihe in Holland auf die Beine stellen. Eine Probeparty hatten wir schon in Rotterdam und die war sehr gut. Aber da geht noch mehr und da wird man sehen, wie es die Leute dann annehmen.
Wo bist du aktuell eigentlich zu Hause?
Im schönen kleinen beschaulichen Frankfurt am Main. Wo sonst?
Dort bist Du ja auch Resident im Cocoon Club. Macht dich das ein klein wenig stolz?
Stolz ist so ein komisches Wort in dem Zusammenhang. Aber es freut mich natürlich sehr, das mich Sven und seine Partner unbedingt als Resident haben wollten und mir ermöglichen in meiner Nacht “Chromogamia” viele neue Sachen auszuprobieren und ich mir alle meine Lieblingsartists einladen darf und sehr viel Energie in meine Nacht stecken kann um sie so erfolgreich zu machen, wie sie jetzt ist. Das waren 2 Jahre harte Arbeit mit dem ganzen Kreativteam vom Club.
Wer sind denn nach wie vor deine All Time Favourites und auf der anderen Seite die Newcomer auf dem DJ Markt, die du unbedingt empfehlen würdest?
Laurent Garnier ist und bleibt die absolute Nummer eins für mich und ich war sehr erfreut, das er im Februar seinen einzigen DJ Club Gig für lange Zeit in Deutschland auf meinem Geburtstag gespielt hat, bevor er jetzt auf große Welttournee live mit seiner Band geht. Und von den Neuen sind ganz großartig der Robert Dietz, Markus Fix und der Rest von den wilden neuen Frankfurtern.
Hast du auch mal was anderes gemacht als Platten aufzulegen? War Karotte zum Beispiel bei der Bundeswehr?
Für 2 Wochen war ich da. Dann noch Schornsteinfeger- und Einzelhandelskaufmannslehre, dann 3 Jahre eigenen Platten-Klamotten Laden in Saarbrücken. Dann noch 5 Jahre bei Sony gearbeitet und dabei immer schon DJ gewesen.
Was macht für dich moderne elektronische Musik heutzutage aus und wertvoll?
Sie erfindet sich zwar nicht mehr neu, aber es kommen halt immer noch genug tolle Tanzplatten raus. Denn mehr als Tanzen will ich zu Musik nicht. Und das macht es immer noch so großartig.
Wie siehst du den immer größer werdenden Potpouri an elektronischen Musikproduzenten?
Es gibt einfach viel zu viel und viel zu viel Müll. Leider. Da gibt es keine Qualitätskontrolle. Denn jeder macht heutzutage ein Label, vor allem jetzt die ganzen Netlabels. Da ist so viel Schrott dabei, so was wäre früher nie released worden. Aber natürlich ist es toll, dass es so viele Menschen gibt, die die Musik vereint.
Welche sind gerade deine absoluten Lieblingsscheiben, die du auf die Plattenteller legst?
Das neue Laurent Garnier Album ist die absolute Bombe. Dazu dann auch noch das ganze neue Zeugs von Gregor Tresher und weiterhin der ganze Output um die Frankfurt-Rhein-Neckar Wilden und ganz viel aus Holland von den jungen Wilden um 2000 and one und Shinedoe.
Wann und wo ging es denn los mit deiner DJ Laufbahn?
Meine Laufbahn begann in ‘ner kleinen Disco aufm Dorf bei mir namens “Sunra”. Da war ich 15.
Gibt’s für dich noch einen Club, wo du gerne mal spielen würdest? Hat man nach so vielen Gigs und Ländern noch Träume?
Ach das kommt, wie es kommt. Fabric in London wollt ich immer mal, war jetzt da, war gut, aber jetzt nicht der Laden, den ich mir so vorgestellt habe. Meistens ist man eher enttäuscht von den Läden, wo man unbedingt mal spielen wollte und dann endlich da ist. Japan, das wäre noch was.
Gibt es gemeinnützige Projekte, die du unterstützt?
Klar. Ich leg ja öfters für Monika Kruses “no historical backspin” auf, dann einmal im Jahr machen wir was für die Aidshilfe in München und hier und da ist auch was drin. Vor allem sollte man Projekte aus Deutschland unterstützen, wo das Geld auch nach Deutschland geht, denn in Deutschland ist mittlerweile die Armut auch ziemlich groß und da wird einiges an Geld benötigt. Solche Einrichtungen wie die Essentafeln, sind sehr unterstützenswert.
Wann denkst du, sollte man als DJ aufhören, gäbe es da Knackpunkte für dich oder käme so was nie in Frage?
Solange mich die Leute noch hören wollen und ich Spaß daran habe. Sobald die Leute aber nicht mehr zu dir kommen zum Tanzen, sollte man da doch spätestens aufhören. Einige haben das aber noch nicht gerafft und tummeln jetzt über die Dörfer in irgendwelchen Dorfdiscos. Das wäre mir dann doch zu unangenehm.
Unterstützt du eigentlich noch die Vinyl-Kultur und gehst in Plattenläden oder lebst du mittlerweile gut von Promos?
Ich lebe gut von Promos, gehe aber jede Woche 1x ins Freebase in Frankfurt und kauf mir auch genug Platten. Sogar richtig viele.
Du spielst am 9.Mai zum 10-jährigen Jubiläum des Nostromo Club Görlitz. Ist ein schönes Clubjubiläum! Was fällt dir zu den letzten 10 Jahren „Karotte“ ein?
Ja schön, da freu ich mich. Bin zum ersten Mal da. Hab viel Gutes gehört. Was fällt mir dazu ein, hmmm, Rock´n Roll bis zum umfallen:-)
Wir freuen uns auch und sehen dich schon ganz bald!
Ein dreifaches Hoch auf die Möhre! ;-)
www.djkarotte.de
www.myspace.com/djkarotte
Interview: Nicole Zwahr
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