Interview mit Sido
Sido ist wohl einer der polarisierensten Künstler im Deutschen Musikbusiness. Bekannt wurde er als Mann mit der Maske und lange wurde spekuliert, wer oder was sich dahinter versteckt. Irgendwann fiel die Maske und damit wohl auch einige Klischees und Gerüchte. Sido war auf einmal nicht mehr der böse Gangsterrapper – oder etwa doch? Inzwischen ist Paul Würdig, wie Sido mit bürgerlichem Namen heißt, noch ein ganzes Stück erwachsener geworden. Im Fernsehen macht er öffentlich Werbung für das Wählen, in einem, zugegeben älteren MTV Masters, zeigt er sich als verantwortungsvoller Vater und aus den übergroßen Shirts ist er auch herausgewachsen. Zu guter letzt ist mit seinem neuen Album auch noch DIE Bombe geplatzt: Sido ist ein Ossi, hat es jahrelang verheimlicht und diesbezüglich sogar gelogen. Am 20. November startet seine Tour im Dresdener Eventwerk – seine einzige Show im Osten. Im folgenden Interview spricht er über sein großes, gelüftetes Geheimnis, Frauen im HipHop und den Tourauftakt:
Du hast dich ja nun mit deiner aktuellen Single „Hex Du“ als Ostdeutscher geoutet. War das nach 20 Jahren Mauerfall nun mal an der Zeit oder was war der Grund dafür?
SIDO: Nee; ich habe es keinem erzählt, weil ich damals im Asylantenheim sehr viel Ärger hatte. Wir sind oft umgezogen und in allen Schulen, in denen ich war, hatte ich deswegen eigentlich immer nur Ärger, weil ich ein Ostler bin. Darum habe ich es irgendwann keinem mehr erzählt. Als ich ins Märkische Viertel gezogen bin, haben wir angefangen zu rappen. Wir haben dann Lieder gemacht wie „West-Berlin“ und T-Shirts bedrucken lassen mit „West-Berlin“ drauf. Das konnte ich dann niemandem mehr erzählen. Ich war ja einer der Anführer von der ganzen Sache aus`m Westen, der kann nicht auf einmal aus`m Osten sein. Da war ich dann zu tief drin in der Lüge. Letztendlich habe ich es erzählt, weil ich das Sample von Maria von „Linie 1“ gemacht habe. Den Film habe ich mir früher sehr oft angeschaut. Und sie sagt ja in der ersten Strophe, welche ja mein Chorus ist: ,,Ick will diar ma wat erzähln von miar, dat hab ick noch nie jemacht, außer bei diar“, also musste ich was erzählen, was ich noch nie jemandem erzählt habe.
Selbst dein bester Freund B-Tight wusste es nicht. Wie hat er reagiert, als er erfuhr, dass du Ostler bist?
SIDO: Er hat es leider nicht von mir erfahren, ich wollte es ihm eigentlich über den Weg sagen, wenn er den Song hört, aber er hat es dann leider zuerst durch die Presse erfahren.
Wussten es denn die Leute von Aggro-Berlin?
SIDO: Nein, keiner wusste das.
Als sich Aggro-Berlin auflöste, bist du da erstmal in ein Loch gefallen? Hattest du Angst, dass damit vielleicht auch deine Karriere vorbei ist?
SIDO: Ich falle grundsätzlich in keine Löcher, weil immer wenn etwas Beschissenes passiert, kann ich mir das gut reden und es verdrängen. Aber ich habe der Sache schon nachgetrauert mit einem weinenden Auge, mit dem anderen habe ich Frauen hinterher geguckt.
In dem Song „Henker & Richter“ geht es um jemanden der ganz klein angefangen hat und schließlich zu einem großen Label kommt, von dem er abgezogen wird. Ist es für dich jetzt etwas anderes seit du direkt bei Universal unter Vertrag bist?
SIDO: Hier weiß ich woran ich bin. Bei Aggro waren es drei Chefs und Bobby und ich – so haben wir angefangen. Dann kamen noch ein paar Leute dazu und mit denen haben wir unser Business gemacht. Es war alles sehr elitär und wir hatten alle die selbe Ideologie. Doch irgendwann nach acht Jahren haben Leute bei Aggro-Berlin gearbeitet, die ihren Feierabend gar nicht abwarten konnten und unbedingt nach Hause wollten. Diese Leute hatten mit dem Hip-Hop-Ding gar nichts mehr zu tun. Und da ging dann diese ganze Ideologie nach und nach verloren. Hier bei Universal weiß ich wenigstens woran ich bin. Ich will nicht mehr mit Freunden verhandeln und diskutieren müssen.
Ist das vielleicht auch ein Grund warum es Aggro-Berlin nicht mehr gibt, weil man mit Freunden eben doch keine Geschäfte machen sollte?
SIDO: Nee, die haben ja gerne mit uns Geschäfte gemacht, aber Bobby und ich – wir sind ja auch schlauer geworden… Übrigens: Das ist ein Kaschmir-Pullover, den ich trage. Willste mal anfassen?
Klaro, schön weich und steht dir echt gut dein neues Outfit. Fast ein bissl brav.
SIDO: Danke
Als ihr damals noch die Sekte gemacht habt, musstet ihr noch mit einfachen Mitteln und Beats produzieren. Bei deinem aktuellen Album merkt man, es ist sehr ausgefeilt und sauber produziert, klingt fast ein bisschen poppig. Du hast dich sehr verändert. Wie willst du eigentlich rüber kommen – als böser Rapper oder eher als netter Musiker?
SIDO: Also wie ich rüberkomme bei den Leuten ist mir scheißegal. Dass ich rüberkomme, macht mir Spaß und finde ich gut, aber wie ich rüberkomme, ist mir echt schnuppe. Hauptsache ich komme irgendwie rüber und komme über die Runden.
Findest du, dass man als Rapper überhaupt polarisieren muss?
SIDO: Nö. Naja, also man muss polarisieren, um erfolgreich zu sein. Egal wie.
Tust du das noch?
SIDO: Ich polarisiere. Leute fangen gerade an zu sagen: „Der Typ ist ja voll der Spiesser geworden.“ Die Leute reden eigentlich immer von mir. Ich glaube, wenn ich jetzt noch die selbe Musik machen würde wie damals, würde niemand mehr drüber reden. Das die Leute jetzt darüber reden, wie: „Guck mal, der trägt jetzt einen Seitenscheitel und einen Bart, oder wie auch immer.“ Dass die Leute überhaupt reden, das ist wichtig. Und ich mache das alles nicht mit Absicht, dass ich jetzt so aussehe. Ich habe einfach nur keinen Bock mehr, so auszusehen, wie die dreizehnjährigen Kinder mit ihren schiefen Mützen und XXL-T-Shirts bis zu den Knien. Das ist einfach nur noch lächerlich. Ich bin mittlerweile fast 30 Jahre alt und finde, ich darf jetzt auch so aussehen.
Wie denkst du im Nachhinein über Popstars? Es gibt ja noch nicht mal eine kurze Zeile auf deinem neuen Album, in der du Detlef D! Soost oder Queensberry angreifst.
SIDO: Hätte ich Popstars nicht gemacht, wäre ich unglücklich gestorben. Ich habe mir gesagt: „Das Ding mit der Bratpfanne und der Bob-Bahn haste gemacht. Du bist auch noch mitgefahren bei der Stockcar Crash Challenge und hast Michael Wendler aus der Bahn gekickt. Und dann hattest du noch die Chance bei Popstars zu sein.“ Ich saß damals immer vor dem Fernseher und dachte mir: „Wieso ladet ihr mich nicht mal als Jury-Mitglied ein?“ Ich suche euch die echten Talente, Detlef hat doch keine Ahnung. Ich musste Popstars einfach machen. Ich war immer der Meinung, ich könnte die besten Leute finden. Weil ich auch der Meinung war, dass die besten immer rausgeworfen wurden. Ich war wirklich so naiv, dass ich das gedacht habe. Aber schon nach den ersten zwei Tagen wurde mir die Naivität aus dem Kopf geschlagen.
Könntest du dir selber vorstellen, für einen anderen Künstler ein Pop-Album zu schreiben?
SIDO: Ja, ich produziere gerade das Album von meiner Freundin Doreen. Aber ich selber singe ja sehr schlecht. Ich habe den Song „Sie Bleibt“ von meinem neuen Album zum Beispiel gemacht, weil ich so ein riesen Rock’n’Roll-Fan bin – von Elvis und von Shakin’ Stevens und so. Ich höre sowas sehr gerne.
Vor einigen Wochen lief die Sendung „SIDO geht wählen“ im TV. Hast du schon mal überlegt, politischer Sprecher zu werden, um zum Beispiel die Leute aus deinem damaligen Viertel zu repräsentieren und zu unterstützen?
SIDO: Ich würde keiner Partei und keiner Organisation beitreten, weil die mich alle nur für ihre Zwecke benutzen würden. Und ich stehe hinter keiner Partei zu 100 Prozent, weil es immer irgendetwas gibt, was mich an deren Programm stört.
Du warst 9 Jahre, als die Mauer gefallen ist. Verbindest du noch irgendetwas mit dem Osten?
SIDO: Ich kann mich an alles noch gut erinnern. Ich glaube, eine Tugend, die mir von damals noch geblieben ist, ist mein Fleiß. Ich bin sehr bodenständig und kümmere mich immer generell darum, dass alles Grundlegende vorhanden ist. Ich denke im Westen haben die Leute gerne von allem etwas und dafür bleiben dann aber die grundlegenden Sachen auf der Strecke.
Du hast auf deinem neuen Album auch ein Feature mit Kitty Kat. Wie stehst du generell zu Frauen im Hip-Hop?
SIDO: Vor Kitty Kat fand ich‘s scheiße und ich glaube das wird sich nach dem Album von ihr auch nicht ändern. Aber sie hat‘s drauf. Ich zähle sie auch nicht wirklich zum Frauenrap. Sondern einfach nur zum gutem Rap. Mich hat sonst noch keine weibliche Rapperin überzeugen können, ich finde alles andere nur peinlich. Sie muss aber trotzdem auch noch ihren Weg finden und sich entscheiden, was sie wirklich machen will.
Wie wird deine Live-Show später aussehen. Du willst ja mit Band auf Tour?
SIDO: Ja, ich werde mit einer Band auf Tour gehen. Es ist unglaublich anstrengend zu proben, aber die Show wird richtig krass! Also ich kann euch auf jeden Fall empfehlen vorbeizukommen, besonders bei der ersten Show in Dresden, da gibt’s ne besondere Überraschung! Damit alle Leute über meine Tour reden. Ich will, dass niemand zu Schaden kommt an diesem Abend, aber das Risiko ist schon da.
Sido spielt am Freitag, 20. November, seine einzige Show im Osten im Eventwerk in Dresden! Tickets & Infos: www.krasscore.com
Interview: Nicole Kirchner
Schlagworte zu diesem Beitrag:Dresden, Interview, Krasscore, Musik, Rap






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