Interview Thomas P. Heckmann
Einer der nun schon seit fast 20 Jahren mit den Kindern der Nacht feiert, ist Thomas P. Heckmann. Die Knarzmaschine aus Mainz dürfte eigentlich jedem, der sich auch nur ansatzweise mit Techno beschäftigt, ein Begriff sein. Zahlreiche Veröffentlichungen unter ebenso zahlreichen Pseudonymen wie z.B. Knarz, Welt in Scherben oder Drax Ltd. haben die Tanzflächen auf der ganzen Welt in ekstatische Hexenkessel verwandelt. Am 03. Juli wird der DJ und Produzent auf dem diesjährigen Proximity Festival an den Schlegler Teichen spielen. Doch bevor Thomas P. Heckmann in der Lausitz einfliegt, gibt’s hier ein exklusives Interview mit ihm:
Wie würdest du deinen aktuellen Sound als DJ und Produzent beschreiben?
Ich habe immer versucht meinen eigenen Sound zu haben und weiter zu treiben, dass werde ich auch beibehalten. Ich habe mich eigentlich auch nie an irgendwelche Trends gehängt.
Viele beklagen im aktuell ausufernden Minimaltrend, dass die Innovation und Vielschichtigkeit von Techno verloren geht. Wo siehst Du elektronische Musik und Techno in der Zukunft?
Das ist wohl wahr und leider die Entwicklung der letzten Jahre. Da ist es umso wichtiger, seinem eigenen Stil und Credo treu zu bleiben. Wie es da weitergeht? Da lass ich mich mal überraschen.
Dem ein oder anderen dürften deine Erfolge auch zusammen mit W.J. Henze auf Wavescape geläufig sein. Was ist eigentlich mit Wavescape passiert, darf man da noch auf Veröffentlichungen hoffen?
Wavescape gibt es schon lange nicht mehr als aktives Label und da wird auch nichts mehr kommen.
Was hat Dich dazu bewegt, dein durch die Neuton-Pleite ins Hintertreffen geratene Label A.F.U. wieder zu beleben?
Das stimmt so nicht ganz. AFU Limited wurde nach dem Einstellen von Wavescape als neues Label 2005 wiederbelebt und war schon lange vor der Pleite bei Neuton und da auch mit mir, Popof, Butch usw. sehr erfolgreich.
Dein letztes technoides Album unter Thomas P. Heckmann war Kopfgeister aus dem Jahr 2001 und auch “nur” eine Best Of Compilation. Wird es in naher Zukunft wieder ein Thomas P. Heckmann Album geben?
Das Albumformat ist immer mit extremer Arbeit und Promokrams behaftet und ich arbeite lieber schnell und bringe meine Tracks zeitgleich raus. Es ist auch leider mittlerweile nicht mehr so einfach CDs und Doppelalben zu verkaufen, wie es z.B. noch bei der Kopfgeister war. Ich habe aber in der Zeit sehr viele Maxis gemacht und einige unveröffentlichte Sachen bei z.B. Beatport eingestellt. Außerdem remastere ich ständig meinen Katalog und es gab zwei VÖs digital bei Beatport von AGE, dann kommt demnächst noch der Trope Katalog, Exit 100 usw.
Du wurzelst ja musikalisch in der EBM Sparte also einer frühen Formen von Techno. Hast du schon mal darüber nachgedacht, deine Produzentenfähigkeiten auf andere Musikrichtungen abseits von Techno zu übertragen und meinetwegen mal eine Big Beat, Drum & Bass oder Pop Nummer zu produzieren?
Ich habe mich eigentlich nie für kommerzielle Produktionen interessiert und fühle mich auch heute noch “Underground”, trotz allem was ich gemacht habe. Es gab auch schon alle Facetten von Musik von mir, von Synthpop, Industrial, Dub, Ambient, Acid, House, usw. …nur war da nicht immer mein Name mit drauf ;-)
Du legst nach wie vor mit Schallplatten auf und nutzt nur sporadisch auch CD’s. Welche speziellen Gründe gibt es für dich, warum du noch nicht auf die “Digitale Revolution” umgestiegen bist?
Ich habe mal vor 25 Jahren angefangen auf Parties usw. aufzulegen, damals noch ohne Pitch oder 1210ern. Ich war immer fasziniert davon, dass z.B. Leute wie Grandmaster Flash oder selbst der DJ in unserer Disco damals, die Massen nur mit zwei oder drei Scheiben begeistern konnten und das auch richtig gut machten. Für mich ist das Auflegen mit Vinyl immer noch eine Sache die mir Spaß macht. Und ich habe auch noch nicht viele digitale DJs gesehen oder gehört, die mich wirklich begeistern konnten oder die die Technik wirklich genutzt haben. Ich habe lieber was zum Anfassen und brauche für mein Set auch keine 10.000 mp3s. Die ganze Geschichte mit Computer zum Auflegen ist mir zu unkontrollierbar und fuddelig.
Daran anknüpfend: was hältst du vom derzeitigen Trend, weg vom haptischen Trägermedium (Vinyl, CD) hin zum Downloadmarkt á la Beatport und Co? Siehst du darin eher Vor- oder mehr Nachteile?
Da ich ja auch mit Andreas Kauffelt zusammen Schnittstelle Mastering und Vinylcut mache, habe ich eigentlich einen guten Überblick über den Vinylmarkt, der sich nach wie vor sehr gut hält und es immer noch genug Leute gibt, die gerne ein richtiges Produkt in der Hand haben. Ich nutze natürlich auch die digitale Seite, sonst wäre ich ja bekloppt… allerdings hat dadurch auch der Wert der Musik und die Beständigkeit sehr abgenommen. Ich finde es schön, z.B. eine alte Platte rauszukramen, sie abzustauben und auf den Plattenteller zu legen und die Musik mit allen Knackern und Nebengeräuschen zu genießen. Irgendwie will mir das Gefühl bei mp3s nicht aufkommen ;-) Da bin ich Romantiker.
In Zeiten von Ableton und günstigen Midi Controllern ist es gegenüber den Anfangstagen von Techno für Einsteiger relativ einfach und kostengünstig geworden, Tracks zu produzieren. Viele wollen Ihre Musik natürlich auch veröffentlichen. Bist du offen für Newcomer und hörst du dir jedes Demo an?
Dadurch das Jeder Musik machen kann und keine tausenden Euros mehr ausgeben muss, hat sich der musikalische Output extremst gesteigert. Auf der einen Seite ist das natürlich eine gute Entwicklung, auf der anderen Seite wurde dadurch die Musik nicht unbedingt besser. Früher hat man mit wenigen Geräten viel gemacht, heute sind die Möglichkeiten unendlich, allerdings wissen nur die Wenigsten auch was damit anzufangen. Ich höre mir aber Demos eigentlich immer an und beantworte die auch…nur so kann man auch gute neue Leute finden.
Du spielst meines Wissens nach zum ersten Mal in der Zittauer Gegend. Hattest du bis jetzt schon Berührungspunkte mit dieser Ecke der Republik und wenn ja welche?
Soweit ich weis und mich erinnere, war ich da noch nicht.
Das Proximity Open Air ist ja ein im Vergleich recht kleines Festival. Wo spielst du lieber: auf großen Festivalbühnen oder in kleinen Clubs und auf kleineren Open Airs?
Das ist mir eigentlich egal. Mir kommt es eher darauf an, dass ich meinen und die Besucher ihren Spaß haben…und das kann ich mit 100 wie mit 10000 Leuten haben :-)
Interview: proximity
Web
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