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Philipp Poisel: „Ich bin kein Gute-Laune-Typ“

Der 27-Jährige Liedermacher, der aus dem schwäbischen Ludwigsburg stammt und nun im nicht weit davon entfernten Stuttgart lebt, ist ein tiefgründiger junger Mann. Außerdem ist der von Herbert Grönemeyer entdeckte und geförderte Poisel auch zwei Jahre nach seinem hochgeschätzten Debütalbum und dem Durchbruch mit „Wo fängt dein Himmel an?“ immer noch ein bisschen menschenscheu. Also lädt er zum Gespräch über seine wieder schön traurig-schwermütige zweite Platte „Bis nach Toulouse“ zu sich nach Hause ein, ins Zimmer seiner Dreier-WG. Erster Eindruck: Ziemlich aufgeräumt und keinerlei überflüssiger Kram. Am Fenster steht das Bett, in der Mitte der Tisch, dazu gibt es noch Schreibtisch, ein paar Schränke und das Klavier.

Philipp, entstehen in diesem Zimmer deine Lieder?Philipp Poisel
Poisel: Ja, die meisten. Ich sitze oft hier am Tisch oder am Klavier, denke nach und komponiere. Am besten kann ich schreiben, wenn ich in einer Stimmung so richtig bade – sei es Fernweh oder Liebeskummer, ja manchmal sogar Heiterkeit.

Wofür steht „Toulouse“? Ist das eine Art Sehnsuchtsort?
Poisel:
Das kann man so sagen. Als Kind bin ich mit meinen Eltern unheimlich viel nach Frankreich gefahren. Die unbeschwerte Zeit, die ich dort hatte, ist für mich zum Sinnbild geworden. Frankreich und Toulouse stehen für Orte, an denen alles gut ist, sie stehen für Unbeschwertheit und Freiheit. Und auch dafür, den Strapazen und allem, was einen plagt, zu entfliehen.

Du wirst immer erfolgreicher und bist jetzt erneut wochenlang auf Tournee. Geht das noch, einfach mal wegzufahren?
Poisel:
Ich habe das schon einige Male gemacht, aber es wird immer schwieriger. Es kommt gerade so ein Verantwortungs- und Vernunftaspekt in mein Leben rein. Ich merke, ich bin nicht alleine. Man ist Teil von einem Team aus Leuten, die sich alle sehr engagieren und kann jetzt nicht mehr von heute auf morgen sagen „Leckt mich alle am Arsch“. Das wäre unfair. Selbst, wenn ich manchmal denke: „Ach, dieses ganze Rumgereise im Tourbus, da habe ich keinen Bock drauf“.

Also hast du eigentlich gar keine Lust?
Poisel:
Wenn ich ausgeruht bin und Energie habe, machen mir die Konzerte Spaß. Wenn ein Konzert das nächste jagt, dann möchte ich manchmal einfach nach Hause fahren. Auf der anderen Seite sollte ich nicht meckern. Gemessen an dem, wie ich sonst meinen Lebensunterhalt bestreiten müsste, ist mein Leben doch sehr komfortabel jetzt. Ich habe auch sehr viel Freizeit. Gerade meinem großen Bedürfnis nach Selbstbestimmung kommen die letzten Jahre sehr entgegen.

Du hast eine Ausbildung zum Grafikdesigner gemacht und anschließend dein Abitur nachgeholt, wolltest eigentlich Realschullehrer werden. Siehst du dich jetzt als Berufsmusiker?
Poisel:
Das ist eine schwierige Sache. Nach dem ersten Album habe ich mich als jemand gesehen, der ein Hobby hat und viel Glück. Ich habe nie sehr kämpfen müssen für den Erfolg, das ist dann einfach passiert. Viele sagen, sie hätten sich an meiner Stelle nicht getraut, soviel Zeit in etwas zu investieren, ohne zu wissen, was daraus wird. Aber mein Ziel war ja von Anfang nicht, Erfolg zu haben. Sondern ich fand einfach die Idee schön, meine Songs auf CD zu bringen.

Hat dich der Erfolg überrannt oder kannst du noch damit umgehen?
Poisel:
Ich hatte nie das Gefühl, damit überfordert zu sein. Gemessen an dem, was ich erwartet hatte, ist es bestimmt erfolgreich. Ich habe aber immer noch Schwierigkeiten, mich als erfolgreichen Musiker zu bezeichnen. Zumal ich mich bis vor kurzem selber noch gar nicht als Musiker begriffen hatte. Das kam, als ich merkte, dass ich gar keine Zeit mehr habe, etwas anderes zu machen. Auch nach der ersten Platte war mir gar nicht klar, dass ich mein Geld jetzt mit meinen Liedern verdiene.

Phillip PoiselObwohl Du viel Zuspruch für deine Musik bekommst, klingen auch deine neuen Lieder melancholisch und grüblerisch. Wie kommt das?
Poisel:
Meine Lieder sind halt so. Mein Leben nimmt nur bedingt Einfluss auf meine Musik. So eine gründsätzliche Fröhlichkeit, das scheint dann auch in der Musik durchzukommen, die widerstrebt mir eher. Ich bin kein Gute-Laune-Typ. Wenn ich mir die Reaktionen mancher Leute anschaue, scheint es so zu sein, dass es nicht nur mir so geht mit dem, was ich da singe und erzähle. Das ist für mich persönlich schön. Ich freue mich darüber für mich, so wie in einer Selbsthilfegruppe. Man erzählt etwas, die anderen können es nachempfinden, und man kommt sich nicht mehr so merkwürdig vor. Sondern irgendwie normal.

Ist dein ganzes Schaffen Therapie?
Poisel:
Fakt ist, dass ich Gefühle, die ich in echt nicht ausleben kann oder darf, in der Musik leben lasse. Das ist ein Ventil. Zum Beispiel der Song „Wie soll ein Mensch das ertragen?“ Da geht es um eine Situation, dass man mit jemandem befreundet ist und merkt, dass man sich eigentlich verliebt hat. Im echten Leben lässt man es nicht raus, weil man fürchtet, man würde die Situation damit überfordern. Weil man Angst hat, liebt man den anderen im Stillen immer weiter. In so einem Song muss ich nichts unterdrücken, da kann ich es einfach ausleben.

Verschiedene deiner Lieder thematisieren zurückliegende Beziehungen. Wie geht deine aktuelle Freundin damit um?
Poisel:
Darüber erlaube ich mir kein Urteil, da müsstest du sie selbst fragen. Allgemein ist es für die Frau oder Freundin eines Musikers nicht leicht, dieses Leben mitzumachen. Ständig ist man unterwegs und dann singt man auch noch über Ex-Freundinnen. Doch so ist es nun einmal. „Ich will nur“ handelt zum Beispiel von einer früheren Beziehung. Auch wenn ich mich auf etwas Neues eingelassen habe, bleiben im Herz immer Erlebnisse, Erfahrungen, Verletzungen zurück, die mich an jemanden binden. Das Gefühl ist dann zwar nicht mehr so präsent, aber es ist auch nicht verschwunden. Ich bin jemand, der andere Menschen nicht fallenlässt. Das ist mein Versprechen.

In „Hab keine Angst“ singst Du „Mach dir keine Sorgen/ Ich schlafe neben dir ein“. Ein erwachsenes Liebeslied?
Poisel:
Ich glaube, dass ich inzwischen reif und verantwortungsvoll genug bin, einem anderen Menschen ein emotionales Zuhause bieten zu können. Man kann sich auf mich verlassen. Vielleicht nicht, was so alltägliche Dinge wie Pünktlichkeit angeht, aber in den großen, wichtigen Fragen bin ich treu und verlässlich.

Für einen 27-Jährigen singst Du oft vom Tod. „All die Jahre“ oder „Froh dabei zu sein“ wirken fast wie Abschiedslieder. Was macht dich so morbide?
Poisel:
„All die Jahre“ verwurstet einfach die Sorge, etwas zu verpassen, während die Lebenszeit verstreicht. Man beginnt sich einzugestehen, dass man vergänglich ist und nicht alles wird machen können, was man im Leben noch machen möchte. „Froh dabei zu sein“ ist konkreter. Das Lied habe ich geschrieben, kurz nachdem ich dachte, ich hätte Krebs.

Wirklich?
Poisel:
Ja. Bei der Untersuchung wurde mir gesagt „unklares Gewebe, möglicherweise bösartig.“ Ich habe in der Phantasie alle Situationen durchgespielt und habe mich innerlich schon mal auf das Schlimmste gefasst gemacht. Ich wollte noch nicht gehen. Ich dachte, alle bleiben hier, und man ist dann dort alleine, wo immer man ist. Da bin ich mir unheimlich verlassen vorgekommen. Gleichzeitig habe ich gemerkt, dass die Freude am Leben bei mir sehr stark ist

Wie war deine Stimmung nach der Entwarnung?
Poisel:
Ich war sehr durcheinander, als der Arzt sehr lapidar meinte „Da ist nichts, und machen Sie doch ein Lied daraus“. Mir ist kein Stein vom Herz gefallen oder so. Ich hatte in meinem Bewusstsein Krebs, auch wenn ich es rein physisch nicht hatte. So lange, wie ich gebraucht hatte, es anzunehmen, habe ich auch wieder gebraucht zu glauben, dass ich gesund bin. Eine Zeit lang habe ich sogar richtig gesund gelebt, doch das hat sich im Alltag allmählich wieder verloren.

Interview: Steffen Rüth

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Eine Antwort zu “Philipp Poisel: „Ich bin kein Gute-Laune-Typ“”

  1. kleines schrieb am 08.10.2011 um 23:10 Uhr:

    auch mir hat Philipp geholfen mit seiner Musik, danke du bist ein herrvorragender Musiker.

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